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Thilo Sarrazin: Alles nur Satire

oder

Warum sich unsere Gesellschaft neu ausrichten muss


Bild: Bundesarchiv, Wikimedia Commons

Wer noch ein Argument benötigt hat, dass Thilo Sarrazin ein zutiefst verachtenswertes Menschenbild hat, ein rassistisches Menschenbild, der musste heute nur Plasberg einschalten. Beispielsweise hat er seine «These» über jüdische Gene nicht zurückgenommen, im Gegenteil, er hat sie noch einmal bestätigt. Sarrazin meine lapidar, der Satz sei seiner Sache nicht dienlich gewesen, inhaltlich sei sie nicht zurückzunehmen. Selbstverständlich hat er sich jede Menge Kritik anhören müssen – bis die gesamte Debatte von Thilo Sarrazin selbst ad absurdum geführt wurde.

Er wurde auf das letzte Kapitel seines Buches angesprochen: In 100 Jahren ist Deutschland muslimisch, Deutsche in der Minderheit – was selbstverständlich grober Unfug ist, dies wurde im Übrigen auch vom Statistischen Bundesamt bestätigt. So – und jetzt alle festhalten: Thilo Sarrazin behauptete dann allen Ernstes, nachdem er argumentativ an den Rand gedrängt wurde, das letzte Kapitel seines Buches sei doch Satire gewesen. Wirklich, das hat er so gesagt. Seine apokalyptische Prognose sei Satire gewesen.

Mensch, da hat uns der gute Herr Sarrazin aber alle auf den Arm genommen. Da sprechen wir dämlichen Gutmenschen seit Tagen über Rassismus, Beleidigungen von Minderheiten – und es ist nur Satire. Gut, dass wir das geklärt haben. Es muss, so glaube ich zumindest, ein weiterer Punkt nicht erwähnt werden: die Mehrheit der Menschen, und es ist die Mehrheit der SPD-, Unions-, FPD-, Grüne– und Linken-Wähler stimmt Sarrazin zu. Dass Sarrazin sich schlussendlich selbst der Lächerlichkeit preisgegeben hat – geschenkt. Die Mehrheit stimmt seinen kruden Behauptungen zu.

Deutschland ist mit diesem Buch weit nach rechts gerutscht.

Habt Ihr eine kleine Schwester oder vielleicht schon eine junge Tochter? Ist diese vielleicht schon einmal mit einem jungen Mann nach Hause gekommen, bei dem Euch jegliche Nackenhaare zu Berge standen? Ihr könnt argumentieren, wie Ihr wollt, der junge Herr kann rumhuren — nach einer kurzen Trauerphase strahlt das junge Glück wieder als wäre nichts gewesen. Gegen Gefühle lässt sich nicht anreden, weder sachlich und argumentativ — noch emotional. Ähnlich sieht in dieser Debatte aus. Die so genannten Thesen Sarrazins wurden mittlerweile weitestgehend widerlegt – und doch ist da nach Gefühl der Bevölkerung endlich mal einer, der die Wahrheit sagt. Die ausgedachten Thesen Sarrazins spiegeln ein Gefühl wieder, werden schnell zu Fakten und schlussendlich zur Wahrheit.

Die Medien spielen auf dieser Klaviatur, verdienen sie mit den Gefühlen der Menschen doch ihr Geld. Wer wirklich glaubt, Medien seien objektiv, der sollte sich selbst fragen, ob er bei den unterschiedlichsten Themen objektiv sein kann. Vielleicht reicht es auch aus, zu dem selben Thema die Artikel in der BILD, der taz, der FAZ und der SZ zu lesen. Objektiv betrachtet sollten die Artikel dieselbe Aussage beinhalten. Sie tun es nicht – darum sollte man niemals den Fehler machen, zu glauben, Journalismus sei objektiv. Genauso sieht es mit so genannten wissenschaftlichen Gutachten aus – das Beispiel Loveparade zeigt gerade, dass der Auftraggeber das Ergebnis bestimmt. Und über Statistiken, wie sie Thilo Sarrazin in seinem Sinne interpretiert, muss wohl gar kein Wort verloren werden.

Doch darum soll es nicht gehen. Am Montagabend bei Beckmann sagte die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan wahre Dinge, die sehr zum Nachdenken anregen. Es verwundert nicht, dass nach 9/11 das Miteinander zwischen der deutschen und muslimischen Bevölkerung nicht das beste war. Auch in Deutschland wurde – salopp gesagt — hinter jedem Turban und Bart ein Terrorist vermutet. Foroutan, die sich täglich mit Integration und dem sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalt unseres Landes beschäftigt, sagte, dass sich seit vier bis fünf Jahren das Blatt wieder gewendet habe. Es gibt wieder ein Miteinander – auch politische Maßnahmen haben dazu beigetragen, dass sich die beiden Bevölkerungsgruppen nicht mehr wie Fremde gegenüber stehen.

Als Beckmann auf Sarrazin und die enorme Zustimmung seiner Zuschauen hinwies, antwortete Foroutan Bedrückendes. Sinngemäß sagte sie, dass man keine Chance habe, gegen die Gefühle der Menschen anzureden. In Sarrazins Buch sieht sie eine Gefahr, dass der aufgebaute Zusammenhalt der letzten Jahre wieder zunichte gemacht wird. Direkt gesagt wurde es nicht, aber zwischen den Zeilen konnte man heraushören, dass Sarrazins Buch den sozialen Frieden in Deutschland gefährden würde.

«Wir» haben gegen Sarrazin, NPD & Co. absolut keine Chance. So dramatisch und trostlos muss man es sehen. Was muss und kann man tun? Unsere Gesellschaft muss sich völlig neu aufstellen und neu ordnen. Der Mensch muss wieder Mensch sein dürfen – mit all seinen Stärken und Schwächen. Der Mensch ist keine Produktionseinheit, er ist kein Kostenfaktor, er ist nicht anders — er ist eine Bereicherung für jedes andere Leben.

Wenn man heute in die U-Bahn steigt, durch die Stadt geht, sind gefühlt die Hälfte der Werbeanzeigen von Zeitarbeitsfirmen geschaltet. Der Mensch wird nicht mehr durch das Menschsein definiert, sondern durch seinen Arbeitsplatz, seine Statussymbole, sein Ansehen. Andersartigkeit, egal in welcher Form, wird abgelehnt.

Arbeitslose Menschen werden – sogar von der Politik – offiziell als Parasiten, von den Medien als Sozialschmarotzer bezeichnet. Wer in problematischen Stadtteilen wohnt, wird entsprechend belächelt – Ausländer in diesem Land täglich schief angesehen, beleidigt, ihnen wird aufgezeigt, dass sie nicht zu «uns» gehören.

Oftmals wird – gerade von konservativen Politikern – immer wieder gefordert, man müsse die deutsche Leitkultur annehmen, sich dieser unterordnen. Doch was ist diese ominöse Leitkultur? Diese Leitkultur, das ehemalige Land der Dichter und Denker definiert sich ausschließlich über Statussymbole und Angepasstheit. Fremde, Andersdenkende und Anderslebende gehören nicht zu dieser Leitkultur.

Selbst wenn die von Sarrazins angekündigte Apokalypse eintreten würde – es wäre absolut nicht schlimm. Dieses Land, so wie es sich entwickelt hat, ist es wahrlich nicht wert, erhalten zu werden. Wir müssen nicht nur über Integration reden, sondern auch über uns selbst. Warum darf der Mensch nicht mehr Mensch sein? Warum werden Andersdenkende, anders Aussehende, anders lebende Menschen ausgegrenzt, beschimpft beleidigt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt?

Sobald unsere Gesellschaft wieder den Menschen als Menschen wahrnimmt, ihn annimmt, toleriert und akzeptiert, wie er ist – sei er arbeitslos, schlecht deutsch sprechen oder in einem Ein-Zimmer-Appartement lebend – erst dann können wir wieder von einer deutschen Leitkultur sprechen, für die es wert ist, zu kämpfen. Die derzeitige Verfassung unserer Gesellschaft lässt es wahrlich nicht zu, dass wir mit dem Finger auf andere Menschen zeigen.

Integration, ein soziales Miteinander ist keine Einbahnstraße – es ist ein Geben und Nehmen. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert und große Teile unserer Gesellschaft und der so genannten Elite befinden sich vom Denken und Handeln noch im Mittelalter. Sicherlich gibt es Integrationsprobleme, Parallelgesellschaften– unbestritten. Sie sind aber Folge unserer Gesellschaft, unseres sozialen Miteinanders. Es sind die Geister, die Deutschland selbst gerufen hat. Wir haben sie selbst geschaffen.

Deutschland ist krank. Schuld daran sind aber nicht die Arbeitslosen, die Alten, die Studenten oder die Ausländer. Schuld ist unsere Gesellschaft als Ganzes. Wir reden immer über moderne Zeiten, sprechen verächtlich über das zurückgebliebene Anatolien, wollen Aufbauarbeit in Afghanistan leisten, vergessen dabei aber, dass insbesondere Wir, unser Land, unsere Gesellschaft eine Frischzellenkur benötigt.

Der indischer Philosoph Jiddu Krishnamurti hat einmal gesagt: «Die Wandlung der Gesellschaft ist nicht so wichtig; sie wird sich natürlich und zwangsläufig ergeben, wenn der Mensch die innere Wandlung vollzogen hat.» Bis dahin ist es in unserer Gesellschaft noch ein ganz langer Weg. Der Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft definiert sich darüber, sich insbesondere moralisch von anderen Menschen abzugrenzen. Dies ist im Übrigen auch ein Grund, warum unsere Politik so «gut» funktioniert. Man lasse Rentner gegen Studenten, Arbeiter gegen Arbeitslose kämpfen – und schon kann sich die Regierung weitestgehend zurücklehnen.

Wir brauchen ein neues Denken in unserer Gesellschaft, im täglichen Zusammensein. Menschsein bedeutet im positivsten Fall nicht, den Arbeitslosen und den Ausländer naserümpfend zu tolerieren. Menschsein bedeutet, den Studenten und Rentner und all die anderen zu akzeptieren, als gleichwertiges Mitglied unserer Gesellschaft und unserem sozialen Miteinander. Die Anderen sind nicht anders, die Anderen sind wir. Unsere Gesellschaft besteht aus unzähligen Gruppen – und jeder Mensch ist gleichberechtigt, jede einzelne Person ist wichtig und belebt unsere Kultur und fördert unser Wissen. Unsere Gesellschaft braucht ein Umdenken, «wir» benötigen ein Umdenken. Erst dann können wir wieder vom Menschsein sprechen. Derzeit gilt das Recht des Stärkeren, unterschiedliche Schichten kämpfen miteinander – ganz wie in der Fauna.

Wie sehr mensch ist unsere Gesellschaft, wie sehr mensch darf sie heute noch sein?

5 Jahre chruetertee.ch

Vor fünf Jahren war es soweit, chruetertee.ch ging online.

Ganz herzlich danken möchte ich Alain, der mir während des ersten Jahres von chruetertee.ch und als der Server einen Hardwaredefekt hatte eine Jail zur Verfügung gestellt hat und regelmässig Support für das Flux CMS bietet.

Auch danken möchte ich allen, die regelmässig hier lesen, Kommentare schreiben oder chruetertee.ch verlinkt haben.

Ausserdem möchte ich an dieser Stelle miwi für seine Zeit und Geduld als Mentor, decke für seine Arbeit im gecko- und vbox-Team sowie andreast für seine Arbeit im gecko-Team danken.

Jetzt begehren die Spammer schon um Einlass in die Wohnung

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Foto: dee_gee | CC-Lizenz

Führt man ein etwas bekannteres Blog, gehört es zu den Begleiterscheinungen, dass man häufiger Werbematerialien bekommt, nicht nur per E-Mail, auch trifft die eine oder andere Lieferung per Post ein, per Snail Mail. Natürlich, wenn es mich interessiert, freue ich mich – in der Regel schreibe ich aber nicht darüber, weil ein Satz eigentlich immer die Intelligenz beleidigt: «Wir würden uns freuen, wenn sie darüber schreiben würden.» Was denn wohl sonst? Öffentlich verbrennen kann wohl nicht der Wunsch sein, wenn man uns solche Dinge zukommen lässt. Zuletzt habe ich ein wirklich interessantes Buch bekommen – nein, nicht den Thilo, ich bevorzuge mehrlagiges Toilettenpapier, sondern Ich bin dann mal Offline – Ein Selbstversuch von Christoph Koch. Ich muss es nur mal anfangen, zu lesen. Gerade über Bücher freue ich mich immer besonders.

Da komme ich gerade unter der Dusche her, das Handtuch noch lässig um die Hüfte gewickelt, ich bestaune meinen nicht wirklich muskelbepackten Körper im Spiegel, da klingelt es und meine Katzen gehen wieder panisch auf Tauchstation. Ich also zur Sprechanlage und fragte, wer denn unten an der Haustür Einlass begehrt. Den ersten Teil der Antwort habe ich nicht verstanden, aber man wolle mir, F!XMBR, eine Pressemitteilung zukommen lassen. Okay, es ist nicht selten, dass manche Dinge nicht direkt mit der Post kommen, und so antwortete ich, man möge den Brief doch bitte in den Briefkasten stecken.

Die Antwort war eine Unverschämtheit sondergleichen: man wünschte mir zu der Presseerklärung noch ein paar Dinge zu sagen. Sprich: ich solle doch meine Wohnungstür öffnen, den Herrn einlassen, Vorwerk und die GEZ hätten es nicht besser gekonnt. Das muss man mal auf sich wirken lassen. Ein «Nein» war selbstverständlich meine Antwort – und dann kam nur noch patzig, gut, dann werde man den Brief in den Briefkasten stecken.

Man erlebt ja nun sehr viel, wenn man ein Blog führt. Aber: wenn man ab und zu seine Meinung publiziert, daraufhin Besuch von Spammern bekommt, die dann auch noch fordern, in die Wohnung vorgelassen zu werden, das ist neu. Kleiner Tipp: meine Wohnung und mein Privatleben sind mir heilig.

Ich glaube auch nicht, dass die Herrschaften mit ihrem Service, den sie bewerben wollen, erfolgreich sein werden. Man will einen Lifestyle-Lieferservice etablieren, also die, die sich einen besseren Restaurantbesuch leisten können, sollen nun auch auf einen Lieferservice zurückgreifen. Wie heißt es in der Pressemitteilung Werbebroschüre: «Anknüpfend an den großen Erfolg von XYZ in Berlin, liefert der Premiumservice im Delivery-Service ab sofort anspruchsvollen und lifestyle-affinen Hanseaten hochwertige Speisen aus 24 angesagten Restaurants der City nach Hause, ins Büro, ins Hotel oder an jeden anderen Wunschort.»

Mein Gott, da hat aber die Werbe– und Buzzword-Abteilung zugeschlagen und Überstunden gemacht. Man kommt mit dem Lachen gar nicht nach, wie einem die Worte um die Ohren gehauen werden. Kleiner Tipp am Rande: feuert am besten Eure Werbeagentur, das ist an Dilettantismus nicht zu überbieten. Wenn man Essen geht, geht es sicherlich auch, aber nicht nur, um den kulinarischen Genuss. Es geht um das Ambiente, die Begleitung, die Stimmung, das Gesamtpaket, einen wunderschönen Abend. Irgendwelchen Buzzword-Quatsch per Lieferservice ausliefern? Ich bitte Euch.

Geht sterben – aber langsam…

Wie die BILD einen Bürgerkrieg herbeiredet

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Es wundert nicht, dass die BILD in den letzten Wochen den Fantasy-Roman Sarrrazins beworben hat – mit unzähligen Artikeln, Interviews und Vorabdrucken. Die BILD steigerte die eigene Auflage, Sarrazin wird ein reicher Mann, das Land rutscht weiter nach rechts. Einen besseren Coup kann es für den Axel-Springer-Verlag kaum geben. Mission accomplished. Ich habe mir gestern Abend tatsächlich das erste Mal Beckmann angeschaut. Eines wurde mehr als deutlich: Sarrazin reduziert die Gesellschaft auf Zahlen – noch nie habe ich einen Menschen mit einer derartigen sozialen Kälte erlebt. Am interessantesten waren die Einlassungen des Berliner Streetworkers Thomas Sonnenburg und der die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan. Beide sagten unisono, dass das Buch unsere Gesellschaft spalten könne, den Frieden gefährde. Und das nicht in der typischen Politikeraufgeregtheit, die Einschätzung beruht auf die eigene, tägliche Arbeit mit denen, um die es geht. In dem Moment wusste die gesamte Runde bei Beckmann kaum etwas zu erwidern, bis wieder Nebenkriegsschauplätze eröffnet wurden.

Heute titelte die BILD «Alle gegen Sarrrazin» – und tat völlig überrascht, dass der neue Held von NPD, pro Deutschland, Politically Incorrect & Co. kritisiert wurde. Was für eine Heuchelei. Doch wer sich die Zeilen der BILD dann durchliest, wird nur noch fassungslos mit dem Kopf schütteln. Es ist erschreckend, dass folgende Zeilen in der größten deutschen Tageszeitung zu finden sind – in der NPD-Parteizeitung, auf anderen Publikationen, nennen wir sie Gesamtrechts oder Altermedia, sind sie auch täglich zu finden. Ein gewisser Nikolaus Blome1 schreibt:

Erste Buch-Lesungen sind schon abgesagt. Wegen „Sicherheitsbedenken”.
Zwischen Politikern und Bürgern steht ein großes Missverständnis, ein umfassendes, dramatisches Nicht-Verstehen. Sarrazins Thesen und die Reaktionen darauf sind wie ein Brennglas: Gut möglich, dass der Graben zwischen Wählern und Gewählten bald in Flammen steht.

Ein Land, das in Flammen steht – die feuchten Träume der BILD-Redaktion werden Wirklichkeit. Dass man beim Axel-Springer-Konzern in der Vergangenheit schwerlich von Journalismus reden konnte, ist jedem normal denkenden Menschen wohl klar. Mit der Causa Sarrazin, dieser unverblümten Freude über einen eventuellen Bürgerkrieg, Bürger gegen Politik genannt, Deutsche gegen Ausländer ebenso gemeint, hat die BILD unsere demokratischen und gesellschaftlichen Grundfeste verlassen.

In der Folge fabuliert Blome davon, dass die Politik einpacken könne, sie habe keine «Geschäftsgrundlage und Daseinsberechtigung» mehr. Solche Worte kennt man zu genüge – Udo Voigt, Holger Apfel oder Udo Pastörs schwadronieren auch davon, dass die Menschen hinter der NPD stehen, aber der CDU und der SPD ihre Stimme geben würden. Unredlich, wie es meine Großmutter früher genannt hätte, ist das nicht mehr. Es ist gefährlicher Wahnsinn. Man ist versucht zu schreiben, dass sich die BILD hier eine selbst erfüllende Prophezeiung schaffen möchte. Der Auflage würde ein Bürgerkrieg wohl nicht schaden.

Es ist offensichtlich, dass die BILD nicht mehr die konservative, unabhängige, pro-israelische und boulevardeske Stimme in diesem Land ist. Man träumt offensichtlich vom Bürgerkrieg, spricht von Politikern ohne Volk, redet der NPD nach dem Mund.

Die BILD steht spätestens seit heute außerhalb unserer Verfassung.
So zumindest mein Meinungsbeitrag.

Unsere Gesellschaft sollte anfangen, nachzudenken:

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  1. Ich weigere mich, ihn Autor, Redakteur oder Journalist zu nennen.

Rassismus bleibt Rassismus – eine Replik (Update)

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Foto: F!XMBR

Thilo Sarrazin hat heute in Berlin offiziell seinen Fantasy-Roman vorgestellt. Nach Vorabdrucke im SPIEGEL und der BILD diskutiert Deutschland bereits seit Tagen über jüdische Gene, vererbte Dummheit und Rassismus. Natürlich meldet sich auch Methusalem Frank Schirrmacher zu Wort, Herausgeber der FAZ – und vermag seine Begeisterung für Thilo Sarrazin kaum zu verbergen. Schirrmacher schwadroniert über eine Neudefinition unserer Kultur, die intellektuellen Fähigkeiten Sarrazins und vergisst dabei den entscheidenden Punkt: Rasissmus bleibt Rassismus. Kameldung bleibt Kameldung. Auch wenn man es in Gold verpackt. Eine Replik.

Schon im ersten Absatz Schirrmachers fällt es schwer, ruhig und sachlich zu bleiben – fabuliert der FAZ-Herausgeber doch von der oft zitierten schweigenden Mehrheit: «Die Zahl der Menschen, die ihm hinter vorgehaltener oder nicht vorgehaltener Hand recht geben, ist beträchtlich.» Die so genannte schweigende Mehrheit musste schon oft für Tabubrecher herhalten, eine andere Form ist der berühmte Satz, «man wird es doch wohl mal sagen dürfen». Dass die schweigende Mehrheit fast ausschließlich von Rechtspopulisten und illustren Gestalten wie NPD-Mitgliedern genutzt wird, wird natürlich verschwiegen.

Der großartige Volker Pispers hat einmal zur schweigenden Mehrheit gesagt: «Die schweigende Mehrheit schweigt, egal was passiert. Ob in der Nachbarwohnung ein Kind misshandelt und totgeschlagen wird oder ob auf der Straße organisierte Verbrecherbanden jagt machen auf alle, die in ihren Augen anders oder abartig sind oder ob in der Straßenbahn eine wehrlose Oma von einer skrupellosen nachwuchskriminellen Bande bedroht und ausgeraubt wird. Ihr Lebensmotto: Weggucken, abducken und ja nicht aufmucken. Die einzigen Lebenszeichen, die es von dieser Spezies gibt, sind anonyme Anrufe zwecks Denunziation missliebiger Mitmenschen oder Strafanzeige von Unbekannt. Die schweigende Mehrheit besteht also vor allem aus Feiglingen, Duckmäusern und Mitläufern.» Damit ist eigentlich alles gesagt. Mit der schweigenden Mehrheit Thilo Sarrazin verteidigen oder gar politische Entscheidungen zu begründen ist in meinen Augen verwerflich und es erübrigt sich fast jegliche ernsthafte Diskussion.

Frank Schirrmacher wäre nicht Frank Schirrmacher, wenn er nicht maßlos übertreiben würde, das Problem sei nicht Sarrazin, sondern Deutschland, ja unsere gesamte Gesellschaft, Sarrazin sei nur unser aller Ghostwriter. Unter dem macht es ein Frank Schirrmacher nicht. Es ist unbestritten, dass Deutschland Probleme hat, was die Integration betrifft. Doch trifft dies ebenso auf die Umwelt– und Gesundheitspolitik zu, ja auf jedes politische und gesellschaftliche Feld. Das ist auch völlig normal, wir leben in einer Gesellschaft, die sich täglich fortentwickelt, in der es täglich neue Erkenntnisse zu gewinnen gibt – wer wie Schirrmacher nun die Probleme der Integration und die Herangehensweise des Thilo Sarrazin als «Neudefinition von Kultur» bezeichnet, verkennt unsere Gesellschaft, unsere Entwicklung und stellt sich mit Sarrazin auf eine Stufe.

Grotesk wird der Artikel Schirrmachers, wenn er Sarrazins Meinung zu Fakten deklariert. Während der SPIEGEL und die BILD Sarrazins Buch als Meinungsbeitrag verklären, legt Schirrmacher noch eine Schippe drauf und spricht von völlig korrekten Fakten. Selbstverständlich belegt Schirrmacher diese Fakten nicht – wie sollte er auch. Er kann es nicht. Es gibt mittlerweile genügend Artikel, die die so genannten Fakten des Herrn Sarrazin widersprechen.123 Weder ist der «weiße Mann» intelligenter als der «schwarze Mann», noch sind seine Berechnungen zur demografischen Entwicklung serös. Dies gibt Thilo Sarrazin im Buch selbst zu: «Es gibt keine wissenschaftlich zuverlässige Methode, Geburtenverhalten und Zuwanderung über mehrere Jahrzehnte verlässlich vorherzusagen.» Dumm nur, dass auf seine selbst ausgedachten Zahlen sein gesamtes Buch aufbaut. Es verwundert nicht, dass er mit seiner Schwarzmalerei in Methusalem Frank Schirrmacher einen dankbaren Abnehmer findet.

Bizarr wird der Artikel Schirrmachers, wenn er versucht, die Erbgut-These Sarrazins zu verteidigen. Es ist kein Zufall, dass entscheidende Begriffe, Namen und Quellen im Register nicht auftauchen, obwohl sie sich in den Fußnoten oder über Verweise rekonstruieren lassen. Das ist kein Versehen. […] In den Worten von Irving Fisher aus dem Jahre 1912, der zu den Befürwortern der neuen Einwanderungsgesetzgebung in Amerika zählte: eine Einwanderungsdebatte ist immer die Chance einer eugenischen Debatte. Sarrazin spricht, wenn er von Kultur redet, nicht vom Erbe, sondern vom Erbgut, und auch das ist Bestandteil demokratischer Diskurse vor exakt hundert Jahren.

Mal abgesehen davon, dass gerade Deutschland es besser wissen sollte – wie kann ein intelligenter Mensch wie Frank Schirrmacher einen Thilo Sarrazin verteidigen, mit dem Argument, politischer und wissenschaftlicher Diskussionen Anfang des 20. Jahrhunderts? Wir leben 100 Jahre später, im 21. Jahrhundert, haben neue Erkenntnisse gewonnen, gewinnen täglich neue hinzu. Wer sich auf Irving Fisher bezieht, zeigt in welcher Zeit er intellektuell stehen geblieben ist – zudem sollte angemerkt werden, dass Fisher nicht gerade für seine Einwanderungs– und Eugenikdebatte berühmt geworden ist, sondern für seine Preis– und Kapitaltheorie.

An dieser Stelle wird am deutlichsten, wie Menschen wie Sarrazin und Schirrmacher gesellschaftlich denken. Sie beziehen sich ausdrücklich auf einen Mathematiker, einem Neoklassiker. Der Mensch hat zu funktionieren, ist Kostenfaktor, hat zu produzieren. Der Mensch, mit all seinen Schwächen, darf nicht mehr Mensch sein. Im 21. Jahrhundert sollte anders über Menschen gesprochen werden. Der Mensch ist kein Kostenfaktor, man darf den Menschen nicht nach seiner Produktivität beurteilen. Das unterscheidet uns heute von Tieren. Ein Mensch ist ein Mensch – mit all seinen Stärken und Schwächen, egal ob Schwarz oder Weiß, Katholik oder Muslim.

Natürlich hat Schirrmacher auch etwas zu kritisieren – doch ist diese Kritik eher nebensächlich, er hätte sie auch in Fußnoten fassen könne. Wer er davon spricht, dass Sarrazin dem Begriff «eugenische Demographie» ins Sachregister hätte aufnehmen sollen, anstatt ihn «verschämt als Adjektiv im Strom der Gedanken untergehen zu lassen», dann ist das ein Nebenkriegsschauplatz um auch etwas kritisches sagen zu wollen. Die Intention ist klar: er will sich nicht vorwerfen lassen, dass er Sarrazins Buch ohne Wenn und Aber beklatscht und empfohlen hat. Der Versuch ist dermaßen durchschaubar, dass spätestens hier klar wird, dass Thilo Sarrazin und Frank Schirrmacher offenbar «Brüder im Geiste» sind.

Schirrmacher kommt zu dem Schluss, dass Sarrazin selbstverständlich kein Rassist sei, «da er sich auf die große Einwanderungs– und Intelligenzdebatte, die vor fast genau hundert Jahren in den Vereinigten Staaten stattfand.» Das ist schon sehr bemerkenswert, wie offen hier zugegeben wird, dass Schirrmacher und Sarrazin sich gedanklich in einem anderen Jahrhundert befinden, nicht auf der Höhe der Zeit. In den letzten 100 Jahren hat unsere Gesellschaft unzählige Erkenntnisse gewonnen, was die Integration betrifft. Doch nicht nur das: beispielsweise hat sich auch die Gesundheitspolitik entwickelt. Niemand würde heute mehr auf die Idee kommen, eine Gesundheitsreform auf eine Debatte der USA aus dem letzten Jahrhundert aufzubauen. Dass Sarrazin und Schirrmacher diese Argumentationslinie fahren, zeigt wie geschichtsvergessen sie sind und wie sehr sie im vergangenen Jahrhundert verhaftet sind. Ein moderner Staat ist mit den beiden Herren nicht zu machen.

Schirrmacher schreibt abschließend: «Es stimmt nicht, dass, wie Frau Merkel meint, Sarrazins Buch nicht „hilfreich“ ist. Es ist sehr hilfreich und wird einen Wendepunkt markieren. Es ist hilfreich, um wirklich zu verstehen, was auf dem Spiel steht.» Das halte ich für ein schweres Gerücht. Wenn Sarrazin seine kruden Thesen mit aktuellen wissenschaftlichen Fakten unterlegt hätte, wenn er nicht Religionen und Rassen vermischen würde, wenn er nicht diese panische Angst vor der Überfremdung durch Muslime verbreiten würde, dann wäre das Buch zumindest ein Diskussionsansatz. So muss man aber Frank Schirrmacher und Thilo Sarrazin ins Gästebuch schreiben:

Rassismus bleibt Rassismus.
Kameldung bleibt Kameldung.
Auch wenn man es in Gold verpackt.

Update: Man könnte meinen, Schirrmacher hat sich die Kritik hier und an anderen Orten zu Herzen genommen. Er hat einen zweiten Artikel veröffentlicht, bei dem er den Quatsch von «Fakten» und «Neudefinition der Kultur» beiseite lässt und den Biologismus des Herrn Sarrazin zerlegt. Das hätte ich mir schon im ersten Artikel gewünscht. Ich bleibe dabei: vom ersten Artikel, der in der FAS veröffentlicht wurde – und damit am Sonntag an den Frühstückstischen gelesen wurde – bleibt vor Allem der Gedanke hängen, eigentlich hat Sarrazin ja recht. Nichtsdestotrotz ist es natürlich sehr gut, dass Schirrmacher noch einmal klarstellt, dass Sarrazin die Menschen täuscht und den falschen Weg gegangen ist:

Thilo Sarrazin hat nicht ein Buch geschrieben, sondern mindestens drei Bücher, die den gleichen Titel tragen. […] Ein Kernsatz des Buches lautet: „Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche, natürliche Zuchtwahl im Sinne von ‚survival of the fittest‘, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.“ […] Das sind unerhörte Sätze. Und Sarrazin weiß das. Es ist schlichtweg unseriös, wie fahrlässig er mit seinen Quellen umgeht.

  1. taz: Inszenierung als Tabubrecher
  2. SZ: Alle mal herhören: Das Ende naht!
  3. SPIEGEL: Die Mär von der vererbten Dummheit

Erpresst – und die Kanzlerin strahlt

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Man hatte ja schon oft den Eindruck, als wären insbesondere die Union und die FDP von der Wirtschaft, der selbst ernannten Elite gekauft – ich erinnere da zum Beispiel an die Hotelsteuer. In der letzten Tagen machte ein so genannter energiepolitischer Appel die Runde. Die Kommentatoren in den Medien waren sich einig – hier sollte die Politik, das Bundeskabinett erpresst werden, Klaus Kocks sah darin gar eine politische Dummheit. Nun kann man davon ausgehen, dass die Initiatoren genau wussten, was sie taten. Und wie bestellt hat Angela Merkel heute die Katze aus dem Sack gelassen.

Der ARD gegenüber sagte sie, dass 10 bis 15 Jahre längere Laufzeit für die deutschen AKW vernünftig wären. Die Kanzlerin ging sogar noch einen Schritt weiter, indem sie längere Laufzeiten im zweistelligen Bereich ansprach. Das können dementsprechend, um den Teufel an die Wand zu malen, bis zu 99 Jahre sein. Man sollte diesen Satz im Hinterkopf behalten, werden die 10 bis 15 Jahre doch in allen Medien zitiert. Merkel hat nicht «nur» von 10 bis 15 Jahren gesprochen. Bei der Kanzlerin sollte man durchaus davon ausgehen, dass der andere Fall Anwendung findet.

Angela Merkel hat damit bewiesen, was viele Menschen in diesem Land befürchten: die Politik ist nur noch der verlängerte Arm diverser Lobbygruppen, in diesem Fall der Energiewirtschaft. Die Kanzlerin gibt einmal mehr offen zu, dass sie eine getriebene, erpresste, eventuell sogar gekaufte Bundeskanzlerin ist. Sie ist Kanzlerin von Gnaden einer selbst ernannten Elite, die unser Land und die Bevölkerung als ihr Eigentum ansieht und dementsprechend handelt.

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man glatt drüber lachen – und wenn die SPD in Form des Popbeauftragten Vorsitzenden Sigmar Gabriel nun von knallharter Lobby-Politik für die Atomkonzerne spricht, dann sollte man die SPD daran erinnern, wer bis zum letzten Jahr die Bevölkerung verraten und verkauft hat, nur ein Stichwort: Agenda 2010. Doch sollte in diesem Fall nicht zu sehr auf die damalige rot-grüne Bundesregierung eingedroschen werden, war sie es doch, der den Ausstieg beschlossen hat, der nun rückgängig gemacht wird.

Angela Merkel wollte diesem Land dienen, so hat sie vor ihrem Amtsantritt versprochen. Dieses Versprechen hat sie nicht gehalten. Im Gegenteil: mit der Entscheidung der Bundesregierung, die mit einem gekauften Gutachten begründet wird, zeigt sich, dass an der Spitze unseres Landes eine von der Energiewirtschaft erpresste Kanzlerin steht. Es ist sogar zu befürchten, dass Schwarz-Gelb voll auf der Seite von E.ON, Vattenfall, RWE und EnBW steht. Angela Merkel, Guido Westerwelle und die restlichen Mitglieder des Bundeskabinetts sollten den Deutschland-Pin vom Jackett nehmen – und wahlweise einen von E.ON, Vattenfall, RWE oder EnBW anstecken. Das wäre wenigstens ehrlich.

Angela Merkel ist nicht die wahre Bundeskanzlerin Deutschlands. Diesen Posten teilen sich Johannes Teyssen, Jürgen Grossmann, Hans-Peter Villis und Tuomo Hatakka. Wenn Angela Merkel ehrlich zu sich selbst und den Bürgerinnen und Bürgern wäre, würde sie dies sich und den Menschen in unserem Land eingestehen. Doch Ehrlichkeit ist von dieser Bundesregierung nicht zu erwarten. Wenn man es denn so ausdrücken will, eine Form spätrömischer Demenz.

Das Verhalten der Kanzlerin und der übrigen Minister hat nicht mehr viel mit Demokratie zutun – es erschüttert unser Land in seinen Grundfesten. In Stuttgart wird der Abriss des alten Bahnhofs und der Start von «Stuttgart 21″ damit begründet, dass einmal politisch getroffene Entscheidungen unumkehrbar sind. Für die Atompolitik gilt dies nicht – hier wird der Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen. Bundespräsident Wulff hat vor wenigen Tagen «überraschend» festgestellt, dass Politiker, Politik im Allgemeinen einen sehr schlechten Ruf innerhalb der Bevölkerung genießt. Es sind die Geister, die auch er als Ministerpräsident von Niedersachsen und auch immer wieder Angela Merkel und die übrigen Minister riefen.

Oftmals hört man Warnungen, dass unsere Demokratie in Gefahr sei. Man kann es drastischer ausdrücken: unsere Demokratie ist der Spielball einer entfesselten, selbst ernannten Elite – und die Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt dabei den Kasper und merkt noch nicht einmal, wie sehr sie sich von der Bevölkerung entfernt. Angela Merkel dient nicht dem Volk, sie dient sich unserer Demokratie zuwiderlaufenden Gruppen an. Traurig, aber wahr.

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Digg.com 4.0 – der erste Sargnagel auf dem Weg ins digitale Nirwana

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Nach einer längeren Betaphase hat Digg.com nun die Version 4.0 freigeschaltet. Ich konnte, wie auch einige andere Kollegen, die Beta testen – und war dabei eigentlich immer von einem, für mich entscheidenden, Punkt ausgegangen: die Kategorie Upcoming wird schon irgendwann wieder eingebaut werden. Kurz erklärt: unter Upcoming konnten alle neuen, eingestellten Nachrichten angeschaut werden, sogar in einzelne Bereiche unterglieder – wie Politik, Technik oder auch unterteilt zwischen Bilder und Videos. Gerade dort hatte ich meinen besonderen Spaß. Dort fand man teilweise wirklich Neuigkeiten, die noch nicht über Twitter und Blogs verbreitet wurden.

Wie Kevin Rose, Macher von Digg.com aber nun mitgeteilt wird, kommt die Sektion Upcoming nicht zurück. Kevin schreibt: The upcoming section is gone. Out of 200+ Million pageviews in July, only 0.4% was from upcoming (yes, that’s less than 1/2 of a percent). I definitely see the fun behind wanting to see stories just before they jump, so we’ll add a view of upcoming popular stories soon. Nun mag man das Argument der 0,4% Seitenzugriffe im ersten Moment nachvollziehen können – doch ist dies viel zu kurz gedacht.

Die einzige Möglichkeit, die man nun hat, neue Nachrichten zu erkunden und zu bewerten, ist das eigene Netzwerk. Man muss, wie auf Twitter, Usern (oder auch Webseiten) folgen, um an neue Nachrichten zu kommen – ansonsten hat man nur noch die (alte) Startseite, sprich die Nachrichten, die sowieso schon unzählige Male bewertet und per Twitter rumgereicht wurden. Digg.com bietet neuen Nutzern und Außenstehenden keinen Zugang mehr an – es sei denn, man mag Nachrichten, die schon bei SPIEGEL Online oder der BILD zu finden sind.

Digg.com zementiert damit die Macht der Poweruser (aus den USA), die sich dort schon immer gegenseitig auf die Startseite verholfen haben. Nutzer mit einem kleinen Netzwerk, Neuankömmlinge, die sich neu registrieren, bleiben völlig außen vor. Beispiel: Wenn man Techmeme, Techcrunch und vielleicht Mashable abonniert hat, muss man schon mehrfach täglich vorbeischauen, sonst gehen andere Dinge unter, die eigene Timeline ist mit Nachrichten aus den genannten Publikationen überflutet. Das ist nicht wirklich sinnvoll – was man im Feedreader noch überlesen kann, nimmt hier einfach Platz weg und lenkt die Aufmerksamkeit ab. Kevin schreibt selbst, dass man den Powerusern mehr Macht hat zukommen lassen: Power users have been given more power over the front page.

Das neue Digg.com macht Spaß, die Technik beeindruckt, ist immer noch dem deutschen Klon Yigg.de meilenweit voraus – und doch wird der Relaunch der erste Sargnagel für Digg.com sein. Digg.com 4.0 ist rückwärtsgewandt – neue Nutzer, die Zukunft hat man nicht mehr im Blick. Um es mal politisch zu vergleichen: es wäre das gleiche, als würde sich eine Partei ausschließlich um die Rentner kümmern, diese werden irgendwann wegsterben, man hat es aber versäumt, sich um die nachfolgende ältere Generation zu kümmern. Diese standen vor verschlossener Tür und haben sich anderweitig umgesehen. Irgendwann steht man da und niemand kommt mehr zur Tür herein.

Mir ist durchaus bewusst, dass dies noch sehr lange dauern wird – im Juli hat Digg.com über 200 Mio. Seitenzugriffe zu verzeichnen. Und doch ist diese durchaus beeindruckende Zahl eher im unteren Segment der großen Web-2.0-Angebote zu sehen. Digg.com war mal vor wenigen Jahren die angesagteste Seite des Web 2.0, noch lange vor Twitter und Facebook. Man hat sich auf diesen Lorbeeren ausgeruht, nun folgte der Kraftakt mit dem Relaunch. Man hat Funktionen der Kontrahenten eingebaut – diese aber völlig überzogen, inkonsequent und falsch umgesetzt.

Der Abstieg von Digg.com wird weitergehen, den ersten Sargnagel hat man gerade selbst mit dem Relaunch eingeschlagen.

Kleine Anekdote zum Schluss: wir wurden einmal gediggt. Innerhalb der ersten Stunde kamen allein über die Frontpage von Digg.com knapp 50.000 unique Visitors zusammen. Der Server hat gehalten – aber auch nur weil eine Grafik direkt verlinkt wurde, nicht F!XMBR selbst. Das hätte der Server nicht ausgehalten. ;-)

Lalelu

nur der Mann im Mond schaut zu.

Tiefer geht nimmer: Mathias Müller von Blumencron auf einer Stufe mit Franz-Josef Wagner

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Bild: F!XMBR

Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben: der rechte Pöbel feiert seinen Helden – die Vorabdrucke im SPIEGEL und in der BILD lassen jedem Stammtischrassisten feuchte Träume bekommen. Endlich einmal das Höchste der sexuellen Gefühle, wenn schon keine Frau in der Nähe ist. Franz-Josef Wagner von der BILD dankte Thilo Sarrazin heute für seine Meinung und die ausgesprochene Wahrheit, verklärt so Rassismus zu einem Meinungsbeitrag und macht sich diesen Rassismus zu eigen – die BILD selbst macht Sarrazin zum Klartext-Politiker.

Rassismus ist in Deutschland wieder en vogue und wird als Meinung deklariert.

Es muss nicht großartig über Thilo Sarrazins offensichtlich tief verankerten Rassismus diskutiert werden – allein Rassenhygiene, Eugenik sind Punkte, über die gerade wir Deutschen besser bescheid wissen sollten. Es verwundert auch nicht, dass Stammtischrassisten wie die von Politically Incorrect Sarrazin feiern — auch die rechtsradikalen Parteien, jenseits unseres Grundgesetzes feiern den SPD-Politiker: Thilo Sarrazin schreibt ein regelrechtes NPD-Buch. Seine ausländerpolitischen Aussagen atmen durch und durch den Geist nationaldemokratischer Überfremdungskritik. Gesagt hat dies ein unterbelichteter NPD-Landtagsabgeordneter. Der kümmerliche Haufen von Pro Deutschland bietet ihm gar den Parteivorsitz an, feuchte Träume von 20% Wählerpotential lassen jeden Rechten in Deutschland vor Kraft kaum laufen. Zu guter Letzt: Die NPD wirbt bereits mit Flugblättern und Sarrazin-Zitaten.

Dass unter Umständen der Rassismus Sarrazins sogar den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt – geschenkt. Thilo Sarrazin selbst bestätigt, was von seinem Elaborat zu halten ist. Das SZ Magazin weiß mehr: Es war keine ausländerfeindliche, rassistische oder beleidigende Bemerkung. Ausländerfeindliche, rassistische und beleidigende Bemerkungen sind harmloses Gequassel gegen das, was er wirklich gesagt hat. […] Sarrazin gab zu, dass er keinerlei Statistiken dazu habe. Er gab zu, dass es solche Statistiken auch gar nicht gibt. Sprich: Sarrazin hat seine im Buch verwendete Zahlen erfunden. Das ist nicht der dumpfe Rassismus, wie ihn die deutsche Stammtischbrigade von sich gibt, man kann davon sprechen, dass Sarrazins Buch Rassismus mit Vorsatz ist.

Doch zurück zum SPIEGEL und seinen Chefradakteur Mathias Müller von Blumencron. Die taz hat ein Interview mit dem obersten Hirten des ehemaligen Nachrichtenmagazins geführt. von Blumencron gibt dort zu Protokoll: Aber so ist das bei Meinungstexten: Um Debatten einzuleiten, müssen wir auch Beiträge drucken, mit deren Aussagen wir nicht einverstanden sind. Mal abgesehen davon, dass ich von Blumencron kein Wort der Distanzierung glaube – er geht den gleichen Weg wie Franz-Josef Wagner von der BILD und verklärt Rassismus zu einem Meinungsbeitrag. Das ist für das ehemalige Nachrichtenmagazin, das ehemalige Sturmgeschütz der Demokratie, ein neuer – nie gedachter – Tiefpunkt.

Der SPIEGEL distanziert sich nicht von Sarrazin, kommentiert den Vorabdruck nicht, veröffentlicht ihn, wie jeden anderen redaktionellen Beitrag auch. Der SPIEGEL, mit seinen verantwortlichen Chefredakteuren Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo, macht sich so die Aussagen und Texte Sarrazins zu eigen – mit der gleichen hanebüchenen Begründung, wie sie Franz-Josef Wagner in der BILD veröffentlicht hat. Wer hätte gedacht, dass mit jedem neuen Tag der SPIEGEL immer tiefer — immer weiter nach rechts — driftet? Rudolf Augstein würde sich im Grab umdrehen. Unter Augstein hätte ein Mathias Müller von Blumencron nicht einmal in der Poststelle Karriere gemacht – aber das ist nur ein Meinungsbeitrag. Aber immerhin kein rassistischer.

BILD enthüllt: Sozialschmarotzer lügen seit Jahren

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(via)

Nur wenige Hartz-IV-Empfänger faulenzen

Sie kümmern sich um ihre Kinder, pflegen Angehörige, bilden sich weiter, nehmen an Fördermaßnahmen teil — oder arbeiten und brauchen trotzdem Arbeitslosengeld II für den Lebensunterhalt: Mehr als die Hälfte der fünf Millionen Hartz-IV-Empfänger zwischen 15 und 64 Jahren fangen mit ihrer Zeit etwas an. Das zeigte eine repräsentative Studie des Instituts für Arbeitsmarkt– und Berufsforschung (IAB). […]

Die Motivation der meisten Hartz-IV-Empfänger sei hoch, stellen die Forscher fest: «Sie weisen der Arbeit einen hohen Stellenwert zu». Sie empfehlen zur besseren Vermittlung keine «härtere Gangart gegenüber den Grundsicherungsempfängern», wie sie schreiben, sondern ein «individuelles Eingehen» auf die persönliche Situation.

SPIEGEL Online: Nur wenige Hartz-IV-Empfänger faulenzen